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Grüne Biotechnologie nutzen, nicht ausbremsen

Bis 2050 muss die Landwirtschaft 50 Prozent mehr Nahrungsmittel bereitstellen. Angesichts von Klimawandel und globalem Bevölkerungswachstum sind innovative Ideen zur Nahrungsmittelproduktion dringend gefragt. Ansätze der Grünen Biotechnologie werden einen wichtigen Beitrag leisten und können neben anderen Innovationen dafür sorgen, dass die Welt nachhaltiger ernährt werden kann. So hat die Genschere CRISPR/Cas9, für die Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2020 den Chemie-Nobelpreis erhielten, die Pflanzenzucht bereits heute zum Wohle aller revolutioniert. Es ist höchste Zeit, dass auch die Schweiz den neuen Züchtungsmethoden eine Chance gibt.

Historischer Entscheid des Parlaments – gewonnen ist jedoch noch nichts

Wer hätte das gedacht? Noch vor kurzem hatte es danach ausgesehen, dass es auch heuer so endet, wie es in den vergangenen Jahren eigentlich immer tat: Das Gentech-Moratorium wird ohne grosses Aufheben um vier Jahre verlängert. In einer halbgaren Parlamentsdebatte werden die wenigen kritischen Stimmen, die diese Verbotspolitik kritisieren, mit Verweis auf mögliche Risiken, das Vorsorgeprinzip oder fallweise der fehlenden Akzeptanz der Konsumenten abgeschmettert. Unterstütz wird die breite Allianz der Bedenkenträger in der Regel vom Bundesrat, der dieses Mal nicht nur eine Verlängerung des Moratoriums, sondern gleich auch die neuen Züchtungsmethoden diesem unterordnen wollte. Dies wäre gar einer Verschärfung der gegenwärtigen Verbotspolitik gleichgekommen.
 
Doch dieses Mal sah die Parlamentsdebatte einen anderen Ausgang. National- und Ständerat haben in den Schlussabstimmungen beschlossen, dass die jahrelange Blockadepolitik teilweise enden soll: Der Bundesrat muss bis Mitte 2024 einen Erlassentwurf ausarbeiten, der eine 

risikobasierte Zulassungsregelung für Pflanzen ermöglicht, die mittels Methoden der neuen Züchtungsmethoden gezüchtet und denen kein transgenes Erbmaterial eingeführt wurden. Zwar wird das Moratorium für die klassische Gentechnik weitergeführt. Doch für die modernen Züchtungsmethoden steht die Tür einen Spalt offen.
 
Einen wesentlichen Anteil an diesem Sinneswandel hätten Forscherinnen und Forscher gehabt, schreibt beispielsweise die Aargauer Zeitung: «Mitverantwortlich für die wiederbelebte Auseinandersetzung mit der Gentechnik in der Politik dürfte die Informationsvermittlung durch die Wissenschaft sein». Die Autorin führt weiter aus: «Führenden Forscherinnen und Forschern gelang es, den Fokus des Publikums weg von den Risiken hin zu den Chancen der neuen Züchtungsmethoden zu verschieben.» Ohne die grosse Aufklärungsarbeit wäre der Zwischenerfolg tatsächlich nur schwer denkbar gewesen.
 
Das Thema Genomeditierung und neue Züchtungsmethoden haben in den nationalen Medien und bäuerlichen Formaten in den vergangenen Monaten und Jahren eine regelrechte Hochkonjunktur erlebte. Die erstaunlich breite Berichterstattung hat sicherlich mit dazu beigetragen, bei den Entscheidungsträgern im Parlament ein Umdenken zu erwirken.
 
Die Medienberichte halfen aber auch, die neuen Züchtungsmethoden einer breiten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt. Schliesslich hatte eine gfs.Bern-Studie zur Genomeditierung bereits letztes Jahr gezeigt, dass die neuen Methoden noch fast unbekannt sind, jedoch positiv beurteilt werden, sobald deren Einsatz einen konkreter Nutzen hat. 
Es ist davon auszugehen, dass nun deutlich mehr Menschen zumindest eine rudimentäre Vorstellung davon haben, was für eine Chance die neuen Züchtungsmethoden für Mensch und Umwelt sein können. Es ist aber auch klar, dass die Aufklärungsarbeit diesbezüglich erst am Anfang steht und zwingend weitergeführt werden sollte.

 
Der Entscheid im Parlament ist ein schöner Etappenerfolg. Nun ist es am Bundesrat und der Verwaltung einen zukunftsgerichteten Erlass auszuarbeiten. Es ist klar, dass die Stimme der Wissenschaft gerade auch in dieser Phase in die Gesetzgebung Eingang finden muss. Eine risikobasierte Zulassungspraxis ist das Gebot der Stunde. Wir sind noch nicht am Ziel, aber auf gutem Weg. 

Neue Techniken erlauben es, zielgerichtete Veränderungen im Erbgut einer Pflanze vorzunehmen und ihren Eigenschutz zu verbessern. Im Resultat unterscheidet sich die Methodik nicht von herkömmlichen Züchtungsmethoden. Nur muss die Pflanzenzüchtung über Jahrzehnte auf Zufälle warten. Genom-Editierung mit den gängigen Verfahren der Gentechnik gleichzustellen, wird dem Stand der Wissenschaft nicht gerecht. Es braucht eine differenzierte gesetzliche Grundlage.

News

Forscherinnen und Forscher fordern ein produktbasiertes Zulassungsverfahren!

Das Gentech-Moratorium soll einmal mehr verlängert werden. Neu soll dieses auch für Pflanzenzüchtungen mit der Genschere gelten. Eine solche Verschärfung entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Dieser Aufruf der Wissenschaft fordert daher ein Ende der unbegründeten Verbotspolitik. Es ist Zeit für ein produktbasiertes Zulassungsverfahren für genom-editierte Pflanzen.

2005 haben Volk und Stände ja gesagt zu einem Gentechnik-Moratorium. Seither wird dieses alle vier Jahre erneuert, obwohl bereits 2012 das Nationalfondsprojekt 59 die Unbedenklichkeit der Gentechnik im Bereich der Pflanzenzucht nachgewiesen hat. Aus Sicht der Forschung wird die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Konsens und der politischen Regulierung mit jeder Verlängerung stossender.

Die Forschung hat seit der Einführung des Moratoriums vor 16 Jahren Quantensprünge gemacht. Neue Methoden wie die Genschere haben die Pflanzenzucht regelrecht auf eine neue Ebene katapultiert. Wenn nun auch diese neuen Methoden automatisch dem Moratorium unterstellt werden sollen, kommt dies gar einer Verschärfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen gleich. Ein solcher Schritt lässt sich wissenschaftlich in keiner Weise rechtfertigen.

Die Ansätze der Genom Editierung bieten grosse Chancen für mehr Nachhaltigkeit. Mit Genscheren wie der CRISPR/Cas können Kulturpflanzen so präzise modifiziert werden, wie nie zuvor. So ist es möglich einen verbesserten Eigenschutz von Pflanzen zu erzielen. Resistenzen vermindern den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Ernten können gesichert und Ressourcen geschont werden. Gerade auch mit Blick auf die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen, welche der Klimawandel und das globale Bevölkerungswachstum bereithalten, ist es uns unbegreiflich, warum man diese Lösungsansätze blockieren will.

In vielen Ländern werden längst Sorten angebaut, welche genetisch auf die eine oder andere Weise editiert wurden. Und genau wie die Ergebnisse von zahlreichen Studien und Langzeitprojekten, welche die Risiken der Gentechnik für Mensch und Umwelt erforschten, hat auch deren Aussaat keine negativen Auswirkungen zu Tage gefördert. Der wissenschaftliche Konsens hinsichtlich der Sicherheit von Gentechnik ist somit gegeben. 

Es ist an der Zeit, dass auch die Schweiz zu einer Politik übergeht, welche das einzelne Produkt bewertet und nicht vorsorglich methodische Ansätze und vielversprechende Technologien verbietet. Eine evidenzbasierte Gesetzgebung scheint uns gerade in heutigen Zeiten elementar.

Für uns ist klar, dass genom-editierte Pflanzen nicht per se als gentechnisch verändert eingestuft werden können. Wir fordern eine produktbezogene Zulassung und wehren uns gegen pauschale Verbote.

Dr. Teresa Koller, Universität Zürich
Dr. Angela Bearth, ETH Zürich
Prof. Beat Keller, Universität Zürich
Dr. Jörg Romeis, Universität Bern
Prof. Sebastian Soyk, Université de Lausanne
Prof. Bruno Studer, ETH Zürich
Prof. Daniel Croll, Université de Neuchâtel
Prof. Markus Affolter, Universität Basel
Prof. Wilhelm Gruissem, ETH Zürich
Dr. Manuela Dahinden, Zurich-Basel Plant Science Center
PD Dr. Thomas Wicker, Universität Zürich
Dr. Norbert Kirchgessner, ETH Zürich
Dr. Roland Kölliker, ETH Zürich
Prof. Niko Geldner, Université de Lausanne
Prof. Christian Fankhauser, Université de Lausanne
Prof. Christian Hardtke, Université de Lausanne
Prof. Philippe Reymond, Université de Lausanne
Prof. Joop Vermeer, Université de Neuchâtel
Dr. Philipp Aerni, Center for Corporate Responsibility and Sustainability, Universität Zürich
Prof. Ueli Grossniklaus, Universität Zürich
Prof. Matthias Wymann, Universität Basel
Prof. Alexander Schier, Universität Basel
Sabrina Flütsch, ETH Zürich
Florian Schwanke, Universität Zürich
Nicole Härter, Universität Zürich
Vinay Shekhar, Universität Zürich
Markus Kolodziej, Universität Zürich
Lucas Waser, Universität Zürich
Victoria Widrig, Universität Zürich
Tiago Meier, Universität Zürich
Prof. em. Reinhard Bachofen, Universität Zürich
Alex Plüss, Universität Zürich
Dr. Christof Eichenberger, Universität Zürich
Dr. Kinga Rutowicz, Universität Zürich
Stephanie Bräunlich, Universität Zürich
Martha Thellmann, Universität Zürich
Daniel Grogg, ETH Zürich
Susanne Dora, ETH Zürich
Dr. Alain Grogg, Haute école spécialisée de suisse occidentale
Henning Mühlenbeck, Universität Zürich
Jana Mittelstrass, Universität Zürich
Oliver Reutimann, ETH Zürich
Dr. Thomas Bürglin, Universität Basel
Anugraha Mathew, Universität Zürich
Zoe Bernasconi, Universität Zürich
Florian Goettelmann, ETH Zürich
Rebecca Leber, Universität Zürich
Beatrice Manser, Universität Zürich
Aline Herger, Universität Zürich
Dr. Manuel Poretti, Institute of Plant Sciences, Universität Bern
Anna Spescha, ETH Zürich
Dr. Elisabeth Truernit, ETH Zürich
Dr. Alexander Haindrich, Universität Bern

 

Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher:

Xavier Gaudet, Universität Zürich
Anna Glaus, Universität Zürich
Elina Leu, Universität Zürich
Philippe Gadient, Universität Zürich
Elena Zahner, Universität Zürich
Natalie Judkins, Universität Zürich
Mauro Gwerder, Universität Bern
Lara Gafner, ETH Zürich
Esther Jung, Universität Zürich
Milena Amhof, Universität Zürich
Ursin Stirnemann, Universität Zürich
Stefan Lindner, Universität Zürich
Gabor Kadler, Universität Zürich
David Stähli, ETH Zürich
Charlotte Kaufmann, ETH Zürich
Marc Beringer, Universität Freiburg
Cyrill Hofer, Universität Zürich
Kai Steffen Bartusch, ETH Zürich

Die Stimme der Wissenschaft

Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, die den Aufruf «Science for CRISPR» unterstützen, forschen an Schweizer Universitäten, Hochschulen und weiteren Forschungseinrichtungen. Dem wissenschaftlichen Konsens wird hier eine Stimme gegeben. Diese ist für den Forschungsstandort Schweiz wichtiger denn je. Werden Sie Teil davon und helfen Sie mit, dass der Anbau von genomeditierten Pflanzen nicht pauschal unter das bestehende Gentechnikgesetz gestellt wird. 

Die neuen Züchtungsverfahren erklärt

©J.l. Cereijido / EPA
  • Wachsende Bevölkerung und wärmeres Klima zwingen uns zu Innovation in der Lebensmittelproduktion.
  • Die grüne Biotechnologie bietet Antworten auf globale Herausforderungen in der Landwirtschaft.
  • Zwei Forscherinnen haben 2020 mit CRISPR/Cas9 den Nobelpreis gewonnen. Der wissenschaftliche Konsens ist klar.
  • Die Genom-Editierung pauschal unter das bestehende Gentechnikgesetz zu stellen, greift zu kurz. 
  • Das Gentech-Moratorium ist der falsche Weg zur gesetzlichen Regelung von CRISPR/Cas.